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Der vertauschte Golfball

                                                                     (unverlangt, ungeliebt, ungelesen  ...unveröffentlicht)

>  Zwei Menschen auf der Suche nach sich selbst.

>  Mit dem Ziel, ein Schwarzes Loch zu kontrollieren.

 

Ein anthropologischer Thriller
in drei Akten

-
Hart an der Wirklichkeit,
Fantastisch im Möglichen.

       Mit integriertem Bonus-Material

 

- Körperbiologie und Gehirnneurologische Erkenntnisse in Realität und Praxis.

- Beinhaltet ein handgebrühter Kaffee mehr Gefühl?

- Ist Selbstmord im komatösen Traum wirklich die Lösung?

- Ist die Erde eine spiegelbildliche Landkarte des Alls?

- Warum sind Flughäfen die glücklichsten Orte auf der Welt?

- Wurde die interkontinentale Langstreckenrakete A11 doch gebaut?

- Wie fühlt sich ein unverkaufter Weihnachtsbaum am 26ten Dezember?

- ...

 

"Klappentext" :


Sein ganzes Leben wollte er einmal in ein Abenteuer aufbrechen. Er tat es nie. Dann eines Tages brach das Schicksal diese Entscheidung für ihn übers Knie und schubste ihn ins Leben. Nun kannte er zwar immer noch nicht den Sinn desselben, musste sich aber entscheiden, ob es sinnvoller wäre, eingekerkert oder eingelocht zu werden. Er fragte sich, welches denn seine letzte eigene Entscheidung gewesen sei? Desto mehr er darüber grübelte, umso klarer wurde ihm, dass er die letzten drei Wochen sogar überhaupt gar keine Entscheidung getroffen hatte. Weder war es seine Idee gewesen, aus der Villa zu fliehen, noch hatte er die Entscheidung getroffen, sein neues Gehirn zu nutzen und eine Stabilisation für ein Schwarzes Loch zu berechnen. Nur eine einzige Entscheidung hatte er selbst gefällt: Damals, als er diesen Auftrag angenommen hatte. Nun gut; auch da hatte er nicht wirklich eine Wahl, denn schließlich war er nicht mehr jung und brauchte das Geld!

Was für -keine- Wahl hatte er jetzt -nicht-? Sollte er rechts ran fahren oder kräftig das Gaspedal durchtreten? Sollte er sich der Gefahr des Einlochens aussetzen oder das Risiko eingehen bei überhöhter Fluchtgeschwindigkeit in einem missglückten Fahrmanöver so beinlos zu enden wie Winfried in Genf?

Hatte er bisher wirklich keine Wahl? Was wäre passiert, wenn er nicht geflohen wäre, sondern Frau Doktor Strohflechter ins Schwarze Loch geschubst hätte? Wäre dies ein Ausweg gewesen, oder hätte er im Anschluss nicht umso aufwendiger vor seinen kriminellen Auftraggebern flüchten müssen? - "Schneller, Bromberg! Schneller!"? Er kam seinerzeit in den Katakomben gar nicht auf den Gedanken, seinem Bodyguard zu widersprechen. - Auch als er verzweifelt die Lösung für die elektromagnetische Kontragravitationskugel suchte, war das gewissermaßen nur eine Form von Flucht, auf der er den Weg mit dem geringsten Widerstand wählte. ... Er 'wählte'? 'Wählte' er wirklich? ... Bestand also doch noch Hoffnung oder ist manch eine vermeintliche Wahl, die man sich einredete im Leben gehabt zu haben, nur eine verbalgrammatikalische Umschreibung einer in Wahrheit unfreiwillig absolvierten Befehlsausführung, die einem sein innerer Schweineteufel vorschrieb? - Und führte man diesen Befehl wirklich unfreiwillig aus oder war man geradezu froh, sich dem Leben davonzustehlen; wobei man sich in Wahrheit doch sein eigenes Leben stehlen ließ! - Und schlussendlich saß man alt und abgekämpft auf seinem Altenteil in einem dreckigen Ohrensessel im Gemeinschaftsraum, betrachtete dieses sein Leben - sein? Leben - und seine darin gefällten Entscheidungen - seine gefällten Entscheidungen? - und urteilte all dies im Nachhinein lapidar und selbstgefällig als 'Schicksal' ab.

... Im Grunde genommen war er doch nur ein Golfball, der dachte, er hätte gelernt aus eigenen und freien Stücken zu fliegen. Und wenn er nicht schleunigst etwas unternähme, dann würde ihm schlussendlich nicht nur das Schicksal aller Golfbälle widerfahren - eingelocht werden oder ertrinken -, sondern er würde darüber hinaus auch noch denken, dass er im Moment des Einlochens sein vermeintliches Lebensziel erreicht hätte. In Wirklichkeit jedoch war dies nur der Wunsch desjenigen, der den Golfball abgeschlagen hatte. Dieser Golfball-Prügelknabe hatte also sein privates Karma auf ihn drauf gerozt und erwartete jetzt von ihm ...?... Was erwartete er jetzt von ihm? ... Woher sollte er denn das wissen!? Schließlich war er doch nur ein kleiner, dummer Golfball, der sich einbildete, er könne fliegen! ...

 

 

Leseprobe:

 

 

Erster Akt   

 

... Flammarions Kugel ...    

 

"Scheiß die Wand an!", dachte Erwin etwas zu laut, als ihm die Kälte immer engagierter die Fußsohlen malträtierte. Langsam begann sie zudem seine Waden empor zu kriechen. Er bewegte wieder seine Zehen, und versuchte so zumindest einen klitzekleinen Hauch von wärmender Durchblutung zu erzeugen.

Seit einiger Zeit beobachtete er nun schon durch das Gebüsch die Wohnung im ersten Stock des Hochhauses. Leider war er entgegen seinen Anweisungen doch deutlich zu früh hier erschienen – ein typisches Leiden verantwortungsbewusster Zeitgenossen -. Warten war zwar in Ordnung für ihn, als Arbeitsloser hatte er Zeit. Nervig war aber langsam dieser feuchte, fast schon matschige Boden; zumal der endende Winter die Temperaturen noch immer im verkühlenden Minusbereich festhielt. Da halfen auch seine groben, festen Schuhe nichts. Dazu hatte er eine schwarze Mütze nebst dickem dunkelgrauen Rollkragenpullover übergezogen. Man hätte ihn in diesem Aufzug ohne Probleme direkt in die Verbrecherkartei aufnehmen können, hatte er bei sich vermerkt, als er zu Hause ein letztes Mal einen kontrollierenden Blick in den Spiegel warf. - Wahlweise wäre er derart gekleidet auch für eine Besetzung als Komparse in einem alten englischen Bankräuberfilm in Frage gekommen.

Erwin schüttelte gedankenverloren den Kopf. Noch ein paar Monate zuvor hätte er sich in den Sitz seines alten, gemütlichen Fords zurücklehnen können. Die rosigen Zeiten des automobilen Luxus waren für ihn aber erst einmal vorbei. Da kam das Angebot, für mehr als ein ganzes ehemaliges Monatsgehalt die Nacht in diesem Gebüsch zu verbringen, gerade recht. Er würde ein Leben für drei Monate daraus machen. Und er hatte sich sogar schon ausgemalt, dass - wenn er sich Mühe gab - am Ende auch noch ein kulinarischer Abstecher zum thailändischen Imbissstand im Einkaufsparadies möglich wäre.

Prompt übersah er das lang ersehnte Licht, welches nun endlich angegangen schien. So musste er zum wiederholten Male alle Fenster des Mietblocks abzählen, bis er sich sicher war, dass er nicht dem falschen Menschen aus der Ferne zusah, wie dieser frische Kaffeebohnen in die Maschine löffelte. Etwas gequält, aber mit genießerischer Nachahmung, sog Erwin eine imaginäre, wärmende, frische Brise des Kaffeeduftes durch die Nase. Wenn er wenigstens den Nachnamen wüsste, dachte er bei sich, dann könnte er jetzt einfach die Straße überqueren, das von hinten zu beobachtende Gebäude umrunden und unauffällig so lange in der Nähe des Haupteinganges des Hochhauses warten, bis sich die Gelegenheit ergab durch die Haupttüre zu schlüpfen und die Wohnung des zu beobachtenden Kaffeetrinkers aufzusuchen. Und wenn er dem Empfänger der Nachricht einfach gesagt hätte, was zu sagen war, dann könnte Erwin sich in aller Ruhe noch zu einer Tasse einladen lassen. Oder er könne sich als Nachbar ausgeben, dem der Kaffee ausgegangen war. - 'Blödsinn!', konterte Erwin gedanklich, 'Hatte jemand schon mal einen Nachbarn gesehen, der nicht nur um eine Prise Salz oder etwas Mehl bat, sondern eine fertig zubereitete Tasse frisch aufgebrühten Kaffees anfragte, komplett mit zwei Stück Zucker und etwas Milch?'

 

-

 

 

 

"Zwei Doktortitel, aber zu blöde, um einen Keilriemen zu wechseln!", grummelte Heinrich verbissen in das Lenkrad. Er konnte sich mal wieder selbst nicht ausstehen! Und wie er es auch bisher in seinem Leben gewohnt war, hatten seine Kollegen nur billige Pennälerwitze auf Lager. Aus Trotz hatte er sich beim erstbesten Autovermieter eines dieser luxuriösen automobilen Flaggschiffe ausgeliehen. Wohl aber mehr, um sich selbst zu trösten, denn wer sollte ihn schon sehen. Menschen nahmen ihn nur zur Kenntnis, wenn er jahrelang geforscht hatte. Dann dauerte es zwischen neunundzwanzig und zweiundvierzig Minuten, und schwupps versank er wieder im unbemerkten Dickicht der stumm vor sich hin forschenden Masse, die einsam und unbeobachtet ihr Dasein in stickigen, abgeschirmten Löchern fristete!

'Wer konnte erahnen, wie viele vergleichbare Schicksale und Forscherseelen allein in diesem Auto steckten?', dachte Heinrich bei sich. Einer davon hatte bestimmt in einem verzweifelt melancholischen Anflug die Idee, eine zusätzliche Verbindung zur Außenwelt herzustellen. Es war ein Nachtsichtgerät, welches Heinrichs Aufmerksamkeit fesselte. Der technische Fachwert mochte für einen Mann seines Kalibers dieses Gimmick sicherlich als ein reines Spielzeug degradieren, doch oft schon waren es solche einfachen und banalen Spielereien, die ihn zu der ein oder anderen Idee inspirierten. Bei einem seiner Vorträge beging er allerdings den Fehler zu erzählen, wie er während seiner Schulzeit mit einem Eierkocher und einem Telefon seine allerersten, jugendlichen Zeitverzerrungstests durchzuführen versuchte. Dies hatte jedoch zur Folge, dass er seitdem in seinem Arbeitsumfeld oftmals nur noch in abwertend sarkastischem Tonfall 'MacGyver' gerufen wurde. In einer Mittagspause überschlug Heinrich mal, dass ihn im anonymen wissenschaftlichen Forschungsgroßbetrieb wahrscheinlich sogar um die 16,40 Prozent seiner Kollegen ausschließlich unter diesem Namen kannten!

In diesem Moment allerdings hatte Heinrich seine helle, fast schon kindliche Freude daran, den Blick immer länger nicht auf die Straße zu richten, sondern nurmehr den Monitor zu betrachten; ganz zu schweigen von der Möglichkeit, durch die Hilfe des Tempomats mit integriertem Abstandshalter auch dieser Arbeit entledigt zu sein. Warum nur wird nicht endlich so ein automatischer Spurhalter eingebaut, welcher die Hände komplett der Arbeit am Lenkrad entledigt? Und warum wechselte dann das Auto nicht nur aufgrund dessen die Spur, weil der Fahrer schlicht und kurz den Blinker betätigte? Warum musste er überhaupt noch etwas tun? Im Grunde sollte man in solch ein Automobil einsteigen und nach der Eingabe des Fahrtzieles - selbstverständlich unter Verwendung der menschlichen Sprache und nicht durch schnöde Knöpfe oder Tastaturen - sich aus der wohl hoffentlich integrierten Espressomaschine eine kleine Portion verdienter Erholung servieren lassen!

Schließlich lenkte Heinrich die wohl weit mehr als zwei Tonnen dann doch manuell auf den Tiefgaragenstellplatz seiner Wohnung und brauchte noch einmal weitere vier Minuten, bis er es endlich bewerkstelligen konnte, diesen High-Tech durchtränkten Wagen irgendwie dazu zu überreden sich zu verriegeln. Heinrich beschloss daraufhin, dem nächstgelegenen Autohaus irgendwann einen unverbindlichen Besuch abzustatten, um dort zumindest mitzuteilen, dass man ihn bei der nächsten Generation von Fahrzeugen, welche nur auf Gedankenübertragung oder zumindest intuitiven Blickkontakt die Tür öffneten, schon einmal auf die Vorbestellungsliste setzen möge. - Aber auch nicht vorher!

 

-

 

 

 

Nicht, dass er unsportlich war - nun gut, er war unsportlich. Kräftig, aber unsportlich. Den Busfahrer zu verhauen war überhaupt kein Problem, aber dem Bus hinterher zu rennen, würde ihm nicht in den Sinn kommen -. Dennoch wünschte Erwin sich, er hätte sich die letzten Jahre nicht so gehen lassen. Allein schon fünf bis sieben Kilo weniger auf der Hüfte wären wahrlich angenehm. Nichtsdestotrotz war es eine Kleinigkeit für ihn, an der Außenfassade mit den vielen kleinen Vorsprüngen und Balkonanlagen des insgesamt zehnstöckigen Hauses empor zu klettern. Fast schon so einfach, dass Erwin sich ausmalte, er würde morgen die dritte oder gar vierte Etage erklimmen dürfen und dafür vielleicht den doppelten Preis aushandeln können. Jetzt aber kauerte er erst einmal auf dem Betonguss-Boden des Balkons im ersten Stock und lauschte.

Er war bisher akribisch den Anweisungen gefolgt, war zur rechten Zeit am angewiesenen Ort eingetroffen und hatte alle Vorsichtsmaßnahmen, welche ihm aufgetragen worden waren, genau beachtet. So ging er den viel längeren Weg über die linke Flanke auf der Seite der Hausanlage und hielt an jenen zweiundzwanzig festgelegten Punkten. Auch die unsinnigen Umwege und sogar rückwärtigen Fährten hatte er - wie besprochen - eingebaut. Dabei folgte er den Anweisungen Schritt für Schritt so, wie sie ihm auf der eigens dafür überlassenen Uhr angezeigt wurden. Bis auf wenige Zentimeter genau sollte sie sein. Wobei von 'Uhr' keine Rede sein konnte, es war mehr ein Schweizer Taschen- als ein Zeitmesser. Auf den ersten Blick mochte es zwar den optischen Anschein eines stinknormalen chinesischen Kaufhaus-Chronometers erwecken, aber in das Ziffernblatt waren eigens für diesen Auftrag zahlreiche kleine Symbole eingraviert worden, welche sich zudem in Korrelation mit dem Sekundenzeiger und Erwins wechselnden Standorten veränderten, respektive ihn an die Richtungswechsel erinnerten. So konnte er nicht einmal ansatzweise vergessen, was er wann, wo und wie zu tun hatte. Auch verfügte sie beispielsweise über einen integrierten Entfernungsmesser. Nicht so ein Gerät mit einem sichtbaren Laserlichtstrahl, welches Erwin sich letztes Jahr aus dem Baumarkt geholt hatte, sondern ein gänzlich lichtstummes Kleinod, welches über ein rückverfolgungsentkoppeltes GPS-System verfügte, wie man ihm erklären wollte. Die Beschreibung, der Datenspeicher dieses seines Handgelenkcomputers reiche aus, um ein durchgehendes Video der letzten zweitausend Jahre abendländische Menschheitsgeschichte mit auf den Weg zu nehmen, war dabei offenkundig eine reine Veranschaulichung. Zudem wusste Erwin sowieso nicht, bei welchem Portal man diesen Kriegs- und Intrigen-Livestream herunterladen könnte. - Von den Abmahnkosten ganz zu schweigen.

Hundert mal hatte er die Worte auswendig lernen müssen, sagen, wer er war und wozu er kam. Im Ursprung sollte alles auf einer lustigen Witzelei beruhen, die sich einst Studenten ausdachten, als ihnen zu feuchtfröhlich fortgeschrittener Stunde nichts weiter Vernünftiges einfiel. Um drei Uhr, vierzehn Minuten und exakt 15,9 Sekunden hatte Erwin zu klopfen. Niemals hatte seinerzeit auch nur ein einziger der Studienfreunde um Heinrich Bromberg daran gedacht, dass man diesen Blödsinn wirklich einmal in ferner Zukunft anwenden würde. Aber in der aktuellen Situation schien es der beste Weg zu sein, so instruierte man Erwin, dass jene Person dem Überbringer der Nachricht wortlos und ohne große Fragen zu stellen, folgen würde - egal wer der Überbringer der Botschaft sein sollte. 'Zur unendlichen Zeit in einem unerreichbaren Raum' wollten sie sich 'zwischen den Welten im reinsten Nichts die Hände reichen'. Nun gut, dachte Erwin bei sich, er würde es so sagen, wie es zu sagen sei, und dann würden seine Auftraggeber schon sehen was passierte. Das Geld war jedenfalls schon überwiesen!

Auch wegen der Lauferei stand Erwin nun doch etwas der Schweiß auf der Stirn. "Pi mal Daumen, in unendlichen Raumen ..." begann er ein letztes mal mantraartig den Text zu murmeln, welcher ihm penibel eingetrichtert wurde, stockte aber sofort, als die Uhr das nächste Zeichen gab. In diesem letzten Punkt war sie millisekundengenau auf ihn abgestimmt und programmiert worden. Die Uhr vibrierte und aus der Hocke musste er nun in einem Schwung, so hatte er es hundert mal durchgeführt, die Hand heben. Er klopfte ...

 

-

 

 

 

Nachrichten sah er sich schon lange nicht mehr an. Nicht nur wegen ihrer Banalität, sondern vielmehr wegen ihrer deprimierenden Haltung der Welt gegenüber. Heinrich hatte mal gehört, dass irgendjemand - waren es Höhlenforscher, Fischer, Bergsteiger oder sonst wer? - die meteorologischen Institute verklagen wollten, weil diese nicht dringlich genug vor eventuell möglichen Unwettern gewarnt hätten. Sicherlich wurde die Klage abgewiesen, aber dennoch hatte dieser Vorgang offenbar zur Folge, dass nicht nur die Wetterberichte dramatischer und bombastischer wurden, sondern auch ein Busunfall in Kenia zur eiligsten Tickermeldung avancierte. Sicherlich verunglückten dabei ein paar arme Seelen, was aber schlicht und einfach in der Summe zu einer Dauerberieselung der schrecklichsten Katastrophenmeldungen führte, sodass Heinrich eines Tages in sich selber keine Regung mehr bemerkte, als bei einem Erdbeben im Iran dreißigtausend Menschen starben. Oder waren es doch 'nur' dreitausend? Er erinnerte sich nicht mehr. Er begann zu grübeln, wie unterschiedlich seine Trauer denn sein müsste? Wie trauerte man im Unterschied zwischen dreißigtausend, dreitausend oder drei Menschen? Trauerte man generell um unbekannte Menschen? Oder trauerte man nur um Menschen, die man kannte? Trauerte man nur um Menschen, die man positiv kannte? Oder sollte man sich sogar auch mal freuen? Durfte man sich freuen, wenn auch der bekiffte Geisterfahrer persönlich gestorben war? Gefreut hatte Heinrich sich schon einmal, als sein Großvater nach etlichen, unzähligen, leidvollen Jahren endlich abtreten durfte. Aber es war verboten dies zu zeigen. Jeder war bestürzt und traurig. Heinrich hatte damals einen Grabschmuck aus gelben Sonnenblumen geordert und wurde nicht nur zum Gespött der ganzen Verwandtschaft, er musste sich sogar von Onkel Leopold über zwei Jahre Todesverwünschungen und andere Flüche an den Kopf werfen lassen. Er würde es jedoch wieder tun! Heinrich freute sich damals, und er freute sich jetzt noch, dass sein Opa die neue lebenserhaltende Wunder-Apparatur, die nur zwölf Wochen später ins Krankenhaus geliefert wurde, nicht mehr erleben durfte - oder besser gesagt: nicht mehr erleben musste -. Im Übrigen würde Onkel Leopold auch heute noch heiter vor sich hin und jeden verfluchen, wenn ihm nicht eines Tages eine seiner Verwünschungen im Halse stecken geblieben wäre, beziehungsweise dort mit einem Stück Hähnchenflügelknochen kollidierte. Bis allerdings die Polizei den Unfall protokollieren konnte, vergingen noch ein paar Wochen. Und weil ihn keiner vermisste schrumpelte Onkel Leopold bereits intensiv vor sich hin, bevor man seinem Leichnam gewahr wurde. Heinrich beschloss damals, sich zumindest für den Putzdienst zu freuen, da dieser für 'erschwerte Arbeitsbedingungen aufgrund der Verwesungsfolgeschäden' - so hieß das auf der Abrechnungszusammenstellung für die Erbengemeinschaft - ein überaus erhöhtes Entgeld berechnete.

Er nahm also seinen frischgebrühten Kaffee, goss sich wie immer die Milch zur Hälfte übers Hemd und versprach sich daraufhin - wie jedes Mal - dass er solche Tetra-Packs nicht mehr mit Hilfe dieses integrierten Aufschraubverschlusses benutzen würde, welcher offenkundig von weltfremden Marketing-Consultant-Ingenieuren erfunden wurde. Und höchstwahrscheinlich saß der Patentinhaber derzeit auf Haiti; und das letzte, was ihm in den Sinn käme, wäre seinen Long-Drink mit einem Orangensaft aus solch einer Plastik-Alu-Verpackung zu verschönern!

Nachdem Heinrichs Computer zwischenzeitlich gestartet und automatisch alle Nachrichten abgerufen hatte, löschte er erst einmal die üblichen einhundertsechsundfünfzig Spam-Mails. Er war bisher in seinem Online-Leben noch nicht wirklich an einen gelungenen Filter für solch nutzlosen Werbemüll geraten. Schließlich konnte ihm keiner mit Einhundert-Komma-Null-Null Prozent garantieren, ihm auch nur eine einzige Mail fälschlicherweise vorzuenthalten. Andererseits dürfte dieser Werbeschrott ja so nutzlos nicht sein; denn wenn niemand jemals darauf geantwortet hätte, wäre diese Vermarktungsvariante schon längst eingeschlafen. 'Tja,', dachte Heinrich, 'der allgemeine möchtegern-zivilisierte Homo-Sapiens-Anti-Intelligenzius ist halt doch dumm genug, um wieder einmal selber schuld an seinem eigenen Müllproblem zu sein! - Nicht nur, dass der Mensch seinen Unrat auf die Straße und in die Umwelt wirft, er produziert sogar noch zusätzlichen Abfall in elektronischer Form!' - Vielleicht waren es aber doch nur die Programmierer von Antivirenprogrammen, die im Zuge einer selbständig initiierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme morgens den Virus verschickten, um Nachmittags ihr Schutzprogramm dagegen zu verkaufen, wer wusste das schon? Wundern würde ihn das beileibe nicht!

Wobei er sich aber auch an diesem Abend wieder die Frage stellte, was denn sein eigenes Leben zu bieten hatte? Sicher, er liebte sein Wissensgebiet, vor allem weil ihm die Mathematik Zugang zu den verschiedensten Forschungszweigen ermöglichte. Aber trotzdem war die faktische Umsetzung seines Lebens mit allem Drum und Dran im Grunde genommen öde, langweilig, trist, fad und vielleicht sogar mehr sinnlos als unbedeutend. Das sollte sich jedoch sehr bald ändern. In den nächsten Wochen oder vielleicht schon Tagen würde Heinrich die letzten Instruktionen erhalten - von Leuten, die seine Arbeit nicht nur zu schätzen wussten, sondern auch finanziell adäquat entlohnen würden! - Vor allem aber würde er sein bisheriges Leben mit einem großen unumkehrbaren Paukenschlag ein für alle Mal verlassen!

 

Ein ohrenbetäubender Lärm riss ihn aus dem Schlaf! Für einen nicht messbaren Bruchteile eines Wimpernschlages wusste Heinrich nicht, ob er in der Hölle brannte oder ob die höchsten Frequenzen im nicht wahrnehmbaren Spektrum sein Gehör zerfetzen wollten. Prompt war es genauso schlagartig wieder still. Es konnte nur Teil eines Traumes gewesen sein, warum sollte er sich sonst auf dem Balkon befinden ohne zu frieren? Schließlich bevorzugte er es, mit nichts anderem als nur einem T-Shirt ins Bett zu gehen. Folglich würde er bei den herrschenden Temperaturen mächtig schlottern müssen.

Während Heinrich also sein derzeitiges Traum-Outfit betrachtete, wunderte er sich, dass nichts weiter geschah. Bei aller Liebe - und obwohl er nicht auf diesem Gebiet studiert hatte -, aber in Träumen passierte immer etwas! Man werde gejagt, gegessen, oder man fiel. Seinetwegen stünde man auch nackt in seiner alten Schule oder küsse endlich seine liebreizende Nachbarin. Aber man stand nicht einfach nur so mit einer Wollmütze auf seinem eigenen Balkon und fragte sich, ob man nicht besser eine dicke Jacke mitgenommen hätte. Er blinzelte etwas übertrieben sinnlos in die Nacht hinein, aber nichts geschah. Seine Gedanken begannen leere Kreise zu ziehen. "Dunkel war's, der Mond schien helle, ..." ,murmmelte er gelangweilt und seufzte zugleich erleichtert. Offenkundig war es ohne Zweifel ein Kindheitstraum! Heinrich beruhigte sich, während er leise und gedankenfröhlich diesen alten Kinderreim weiter vor sich hin summte "... als ein Wagen blitzeschnelle, langsam um die Ecke bog. Drinnen saßend stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft; als ein totgeschoss'ner Hase ..." - 'Wann kommt denn der Bus?', grübelte er reflexartig bei sich und sah auf die Uhr - 3,1415927 - Pi!

Doch, er zögerte! Nicht zu lange, aber er zögerte. Und mit den verrinnenden Sekunden meinte Heinrich zu begreifen, dass er irgendeine Form von Kleidung trug, auf seinem Balkon stand und die Kälte, die er spürte nicht aus einem Fenster kam, welches er versehentlich offen gelassen hatte und nun in seinen Traum integriert wurde. - Er befand sich wahrhaftig auf seinem Balkon und starrte von außen auf die heruntergelassene Jalousie seiner Wohnung, respektive drehte sich herum und erblickte die übliche Aussicht mitten in der Nacht!

Er dankte spontan dem Schicksal, dass er nicht in den neunten Stock gezogen war. - Die Aussicht dort oben hatte ihm zwar sehr gut gefallen, aber der Schnitt der Wohnung behagte ihm gar nicht, war doch die Küche so altmodisch weit vom Wohnbereich entfernt. - Nichtsdestotrotz sah selbst diese aktuelle kleine Tiefe des ersten Stocks für seinen Geschmack etwas zu hoch aus. Das waren bestimmt fast einen Meter Balkonbrüstung, darunter mehr als zwei Meter Erdgeschosshöhe plus die Zwischendecke. Dann durfte er das Hochparterre nicht vergessen; bestimmt noch mal gut ein Meter ... - Hätte er doch einen Kurs in Biologie belegt, dann könnte er wenigstens den Dämpfungsfaktor des Rasens mit einbeziehen. Dennoch war plötzlich etwas anders: Heinrich bekam kein Ergebnis, schaffte es nicht einmal, diese vier oder fünf Werte schnell genug zu addieren; ganz zu schweigen davon, dass inzwischen schon bestimmt vier Sekunden verstrichen waren, und er wusste immer noch nicht, wie hoch die Wahrscheinlichkeiten waren, sich den Knöchel, die Wirbelsäule oder das Steißbein zu verstauchen. Nun gut, es war im Moment ein bisschen chaotisch hier draußen. Eines aber war ihm klar: die vier Sekunden, die er brauchte um die Höhe abzuschätzen, waren fünf Sekunden zuviel gewesen! Und diese würde er jetzt schleunigst wieder zurück gewinnen, indem er ohne weiter zu zögern an der Seite des Balkons über die Brüstung stieg. - Schon oft hatte Heinrich sich gefragt, wer nur auf die Idee gekommen war, die Balkone dieses Hauses auf solch eine sträfliche Weise so nah beieinander zu bauen, so dass man über die gesamte Hausbreite relativ einfach von einem zum anderen steigen konnte. Es bedarf nur einer kleinen, gut organisierten Einbrecherfamilie, die sich in einem mittleren Stockwerk einmietete, um mit ein paar wenigen logistischen, verbrecherspezifischen Berechnungen innerhalb einer Nacht alle zweihundertund-äh..-und-ein-paar-zerquetschte Wohnungen ausrauben zu können. Sein stressdeterminierter Zustand musste wohl inzwischen ein eklatantes Maß erreicht haben, konnte er doch nicht einmal mehr die Anzahl der Balkone in Reihe und Stockwerk multiplizieren. Er mochte daher gar nicht erst daran denken, wie sein aktueller Blutdruck unter Einbeziehung der momentanen Zuckerwerte seine statistische Lebenserwartungsofferte herabsenken könnte. Er war sich nicht einmal darüber im Klaren, ob er diesen Faktor nun in Stunden oder Tagen ansetzen musste?

Nichtsdestotrotz war Heinrich positiv überrascht, wie fit er doch war. Die Ankunft am Boden ging zwar gründlich in die Hose - respektive ging jener Matsch des feuchten Wiesenuntergrunds konkret in sein nun großflächig verdrecktes Hosenbein über - als Heinrich weder in Pflicht noch Kür eine punktrichterlich würdige Landung absolvierte, sondern sich fast flach auf den Boden legte. "... Aber endlich mal ein Falltraum, in dem man ganz konkret unten auf dem Boden aufkommt!", grübelte er vor sich hin.

Hastig richtete er sich auf, lauschte einen winzigen Augenblick und ging zügig, wenn auch wahllos, in eine Richtung am Haus entlang. Nach ein paar Schritten begann seine Hand leise zu vibrieren. Bereits in Höhe der zweiten Wohneinheit war dieses Zittern zu einem zwar lautlosen aber auch nervenden Zustand angewachsen, so dass er erst einmal versuchte, die Uhr, von der offenbar dieses sinnlose Vibrieren ausging, abzunehmen. Nachdem er allerdings das kleine Schloss am Armband bemerkte, welches ihn daran hinderte den vermeintlichen Chronographen abzustreifen, musste er fast schon schmunzeln. Er ging zwei Schritte zurück, und das Zittern nahm tatsächlich ab. Wenn sich schon irgendwer - und sei es nur sein Unterbewusstsein, vermutete er belustigt - solch eine Mühe gab, ihm so ein cooles, realkompetentes, komplexes Abenteurspiel-Szenario zu bescheren, dann könne er auch die Gelegenheit nutzen um zu sehen, ob vielleicht am Ende des Levels eine kastaniengebräunte Prinzessin auf ihn wartete; oder zumindest eine neue Hose nebst dem Schlüssel für die nächste Spielebene?

Rasch drehte er um und folgte der Hauswand in die entgegengesetzte Richtung. Etwa zehn Meter vor dem Ende des Gebäudes kribbelte es wieder am Handgelenk. Prompt stoppte er ab, fuhr herum und machte ein paar Schritte kehrt. Wieder die Uhr betrachtend versuchte Heinrich herauszufinden, wie er sich weiter verhalten solle? Er hoffte inständig, jetzt beileibe nicht auf einen anderen Balkon klettern zu müssen. Als er bemerkte, wie das Ziffernblatt im Sinne konkreter Hinweise und Richtungsanweisungen gestaltet zu sein schien, entschied er sich, dieser Maßgabe so gut er sie verstand, zu folgen. Nachdem das uhrenähnliche Etwas sich nicht weiter beschwerte, als Heinrich einen recht nahe gelegenen Baum ansteuerte, vermutete er, dass er sich wieder auf der richtigen Fährte innerhalb dieses verträumten Rollenspieles befand. Vielleicht könnte er ja an der nächsten Buche einen Kobold fragen, wie viele Spielpunkte er von seinem Konto berappen müsse, um einen Code zu erwerben, der ihm eine Aufstockung seiner Leistungsfähigkeit ermöglichte? Etwas mehr Laufgeschwindigkeit wäre nett. Vielleicht könnte eine erhöhte Prise Sprungkraft für nachfolgende Aufgaben nicht schaden? Soll er ein Auto aufbrechen, um im Handschuhfach eine Karte zu finden oder gar am Bahnhof eine Waffe kaufen und hinter den Mülltonnen nach Munition suchen?

Manchmal wunderte er sich zwar über die abrupten Richtungswechsel, die ihm sinnlos oder gar unnütz vorkamen, aber der Programmierer seines geträumten Spektakels wird sich bei diesem Spaß schon etwas gedacht haben. Und ein klein wenig kribbelte es Heinrich schon auf der Zunge; denn dem nächsten Menschen - oder was auch immer es in dieser unwirklichen virtuellen Ebene für Bewohner geben sollte - werde er sich als MacGyver höchstpersönlich vorstellen! Auf jeden Fall würde er ihn nach Daniel Düsentrieb fragen, um noch mehr solcher Spielzeuge, wie diese Uhr, zu ergattern. Wehmütig musste er daran denken, dass eines Tages sein Lieblingsfilmcharakter, der verspielte Waffenmeister Q, aufgrund dessen realen Todes die James-Bond-Leinwand verlassen musste. Da sah man es mal wieder: Eine schnöden Geheimagenten konnte man wahlweise austauschen, aber ein genialer Wissenschaftler und Erfinder war unersetzbar!

 

-

 

 

 

Jemand hüpfte brutal auf seinen Rücken. Warum lag er überhaupt auf dem Bauch? Es war ein unwirkliches Szenario. Überall Beine, schwarze Hosen, alle rasten um ihn herum. Jemand drückte ihn zu Boden, verdrehte seinen Arm. Erwins Blick erhaschte den durchlöcherten Lauf eines verkürzten Gewehres. Bei dem Versuch etwas höher zu blicken, stieß er allerdings auf sehr schmerzhafte Weise an mindestens drei Knie, die zwischenzeitlich im Rücken und Genick auf ihm lasteten. Er musste rücklings niedergeschlagen worden sein? Jemand brüllte ihn an. Mehrere Leute bellten sich einsilbige Begriffe zu. Er war in eine GSG9-Übung geraten; das war's! Ganz einfach! Man hatte ihm ein Monatsgehalt gegeben, als Lohn für ein billiges Versuchskaninchen, um in einer möglichst realistischen Söldnerübung die arme Sau zu spielen. Oh, wie dreckig! Dafür musste es doch arbeitsrechtliche Bestimmungen geben. Das werde eine Zivilklage nach sich ziehen! Seine Erfolgschancen lagen bei bestimmt weit über achtundsiebzig Prozent, da gab es keinen Zweifel! Ganz zu schweigen von den Schmerzen, die er gerade verspürte; das würde nicht unter einer fünfstelligen Summe abzutun sein!

Keine Ahnung, was man ihm zubrüllte. Erwin spürte inzwischen neben deutlichen Atembeschwerden auch scharfkantige Plastikriemen an seinen Handgelenken, welche er als Kabelbinder zu identifizieren meinte. Er dachte, dies sei nur eine lustige Erfindung aus Hollywood, dessen Regisseure meinten, mit den guten alten Handschellen keinen Cineasten mehr vom Hocker reißen zu können. Unterdessen wurde er gezerrt, geschubst und gezogen. Daher war es ihm unbedeutend, auf die gebellten Befehle dieser Übungsstaffel im Ausbildungslehrgang zu achten, hätte er doch sowieso nicht einmal den Gedanken an die winzigste eigene Handlungsausführung verschwenden, geschweige denn gar Richtungsinitiative ergreifen können. Man konnte im Grunde genommen fast sagen, dass sein Hirn zwischenzeitlich in aller Ruhe ausrechnen konnte, wie lange und in welchem Standard er aufgrund dieser Torturen seinen weiteren Lebensunterhalt bestreiten könne, wenn er die Anwaltskosten und weitere Auslagen abgezogen hatte. Negativ könnte sich allerdings auswirken, wenn diese ungestümen, übermotivierten jungen Rekruten ihre restlichen menschlichen Genrückstände vollends vergaßen und ihm möglicherweise bleibende körperliche Schäden zufügen würden.

Und dabei hatte Erwin immer noch nicht wirklich eine überzeugende Idee, wie er - ohne auch nur den Hauch einer erlebten Millisekunde - bewusstlos geschlagen wurde? Selbst die schnellste Injektion, und sei es mit dem lautlosesten Blasrohr des kompetentesten Buschmannes des dichtesten Urwaldes, konnte doch nicht so schnell wirken, dass einem nicht einmal der Einstich gewahr wurde? Wie lange war er überhaupt weggetreten? Wurde er gar Gehirn-manipulativ degeneriert? Und warum zum Teufel war er nackt?! - Also doch: Wenn man potente junge Männer zu lange unter ihresgleichen lässt, kann ja nur Schweinkram dabei herauskommen! Die eine Hälfte wird aggressiv und die andere übernimmt das Kaffee kochen und Kuchen backen. Schwuppdiwupp hat man eine schlagkräftige Armee: Satt im Magen, begierig in den Lenden und unbefriedigt im Herzen.

Vielleicht könnte Erwin sich mit einem der ihren heimlich anfreunden. Nur sicherheitshalber, versteht sich; soll es doch genug wahre Geschichten geben, wo sich Wärter und niederer Folterabschaum gegenseitig in verliebter Absicht die Augen verdreht haben. Ab und an mal eine Essensration mehr oder ein Verband zur rechten Zeit könnten sich langfristig bestimmt als hilfreich erweisen. Zumal dadurch zum einen vielleicht nicht nur die körperliche Züchtigungsquote geringer ausfallen möge, sondern ebenso der gerichtsverwertbare Aspekt eine weitere monetäre Potenzierung im Sinne einer mutmaßlichen intimen Nötigung erfahren würde. Erwin musste es ja nicht bis zum äußersten fleischlichen Akt kommen lassen, mag es doch ganz im Gegenteil sogar bestimmt hilfreicher sein, wenn er der Motivation seines Auserwählten etwas mehr Spielraum gönnte, um den Zuneigungshoffenden in seinem Engagement williger zu erhalten. - Was sollen diese schwachsinnigen Gedankengänge überhaupt?! Wie lange plante er eigentlich, diese unwirkliche Situation noch durchleben zu müssen?

Die erste Ohrfeige tat zweifellos bereits weh, aber die zweite entlockte ihm dann doch einen derben Aufschrei - sicher aus Schmerz aber auch aus einem wütenden Trotz heraus -. Doch schnell musste Erwin begreifen, dass dies nur geschah, damit er den Mund aufmachte. Noch bevor sein Protestgebrüll auch nur ansatzweise seinen Lippen entsprungen war, befand sich ein viel zu großer Gummiball zwischen seinen Zähnen. Wobei der übereifrig intensive Vorgang des Festzurrens dieses Knebels ihn jetzt doch etwas daran zweifeln ließ, wie lange er wohl noch am Leben sein würde. An Luft holen auch nur zu denken war wohl das Letzte, was aufgrund des strengen Mundverschlusses machbar wäre! Darüber hinaus schmeckte er einen beißenden intensiv chemischen Geschmack auf dessen Innenseite. Sogleich wurde seine Zunge taub. Es bliebe nur zu hoffen, dass der Stoffsack, der ihm postwendend über den Kopf gestülpt wurde, nicht orange war. Denn schließlich wusste man aus Film, Funk und Fernsehen, dass sich Gefangene in knalligem Orange in einem international stillschweigend anerkannten, rechtsfreien Raum befanden, welcher fern jedweder menschenrechtlicher Konventionen oder globaler Tribunale lag. - Wenn man zudem aus alten Akten erfahren haben sollte, dass Erwin vor wenigen Jahren fast einen ganzen Liter hochbrisantes, sprudelndes Mineralwasser mit an Bord eines bis an die Zähne vollgetankten Passagierflugzeugs schmuggeln wollte; vermutlich um durch den ohrenbetäubenden Rülpser die Stewardessen außer Gefecht zu setzen, während er mit Hilfe des rektalen Rückstoßes der vorher im Flughafenrestaurant durch vier Kameraeinstellungen dokumentierten, zu sich genommenen Bohnen, die Tür zum Cockpit aus den Angeln zu pressen plante, dann wäre ihm mindestens einmal die Todesstrafe sicher gewesen, wenn nicht sogar bis zu acht mal lebenslänglich.

Auf eine gewisse Weise war Erwin erleichtert, als seine Wahrnehmung der Wirrheit seiner Gedankengänge folgte. In seinem letzten halbwegs bewussten Wachzustand schüttete er sich am Strand von Haiti einen Tetra-Pack Martini über sein Hemd. Vielleicht war dies aber auch schon die erste Sequenz der eingeleiteten Traumebene ...

 

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Das wohlig warme, vollmundige Blubbern eines dieser brachialen amerikanischen V8-Motoren hing satt in der kühlen Nachtluft. Heinrich war sich sicher, dass es nur ihm gelten konnte. Bei nächstmöglicher Gelegenheit würde er den Programmchef dieses Szenarios in seinem Unterbewusstsein mal richtig schick zum Essen ausführen. Es war einfach einem Genie seines Kalibers würdig! Dies war dann wohl der vorerst krönende Abschluss des aktuellen Levels. Kaum erwarten konnte er es, bis sich das unbeleuchtete, mattschwarze, zweitürige Schlachtross mit hochgestellten, muskelbepackten Hinterläufen die Straße entlang in seine Richtung schob. Wer würde es sein? Wen könne er erwarten? Was werde der nächste Spielabschnitt bringen? Ob er auch mal fahren dürfte?

"Hallo Heinrich!"

Heinrich starrte in ein bekanntes Gesicht, welches ihm aus frühen Tagen immer noch vertraut war. "Frank?", kam es ihm etwas zu überrascht über die Lippen, als er es gewollt hätte.

"Wen hast Du erwartet?" Frank lächelte aufmunternd.

"Ich warte auf den Bus", konterte Heinrich trotzig, "Was machst Du hier?"

"Briefmarken sammeln. Hast Du zufällig die blaue Mauritius gesehen?". Ja, das war unzweifelhaft Frank mit seiner traditionellen, doofen Lieblingsantwort!

"Steig endlich ein!", forderte er ihn freundlich bestimmend auf.

"Du hast den Schlüssel für das nächste Level?", entkam es Heinrich dann doch spontan, während er die Tür zuzog.

"Für Dein nächstes Leben! Herzlichen Glückwunsch. Die Torte steht schon im Kühlschrank." Frank schaltete die Scheinwerfer ein und gab dem Mustang die Sporen.

Heinrich wartete. Früher an der Uni war Frank immer der ungefragte, wortgewandte Erklärbär gewesen. Also würde er wohl gleich loslegen. Schließlich hatten sie sich nicht zufällig in der Hotellobby an der Bar getroffen, sondern immerhin mitten in der Nacht unter ominösen Umständen. Zugegebenermaßen war dieser Umstand zwar ausgesprochen wundersam, aber zumindest war Heinrich sich inzwischen sicher, dass die inhaltliche Verhältnismäßigkeit eines Traumzustands bereits deutlich überschritten wurde. - Obwohl natürlich gewisse Paradoxien immer noch tendenziell eher darauf schließen ließen, hier eine klassische Traumszenerie zu suchen. Allein der aus dem Nichts heraus auftauchende Studienfreund aus lange zurückliegenden Tagen, welcher zudem in einem perfekt Jugend-schwärmerischen Auto des Weges kam. Darüber hinaus herrschte von Anfang an ein Gesprächsstil, welcher an Selbstverständlichkeit kaum zu überbieten war.

"Jetzt beeil dich bitte, Frank. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch habe!" Heinrich hatte beschlossen, seinen früheren Kameraden etwas verbal zu kitzeln. Da aber Frank nur sprichwörtlich blöde grinste, fuhr Heinrich fort: "Ich werde vermutlich bald aufwachen!"

"Denk nicht zuviel", meinte Frank in beruhigendem Tonfall, "Wir haben uns wirklich Mühe gegeben, dir ein Modell mit einem adäquaten, passablen Hirn zu organisieren. Erwarte aber bitte keine Wunder. Es gibt nun mal sehr wenig arbeitslose Nobelpreisträger!"

Frank mochte recht haben: denken hatte im Moment wohl gerade keinen rechten Sinn. Zumindest mit solch überraschungstheatralischen Kommentaren langweilte ihn die Situation. Dennoch freute er sich zumindest über die Kommunikation als solches. "Mach Dir mal keine Sorgen, ich komm mit 'eurem Modell' schon klar. Fahren wir da jetzt hin?"

Nicht, dass Frank lachen musste, aber ein breites lautloses Grinsen konnte er nicht verstecken. "Gleich da, mein Lieber!"

 

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"Oh ja, das kenne ich. Früher hatte ich auch noch alle Telefonnummern im Kopf, aber die werden ja immer länger! Selbst wenn man wollte, könnte man sich gar nicht mehr alles merken."

'Die Frau wollte nur die Uhrzeit wissen, mehr nicht', dachte Michelle. Was hatte sie an sich, dass überall auf der Welt sofort alte Damen an ihr klebten? Egal in welchem Land und zu teils absurdester Tageszeit. Selbst wenn sie - wie heute - nachts um vier am Bahnhof stand. Sie konnte sich sicher sein, dass innerhalb von fünf Minuten irgendeine Oma an sie herantrat. Und sie wusste inzwischen, dass diese niemals wissen wollten, wie spät es sei, geschweige denn selbst kein Taschentuch hätten. Alte, nette, fürsorgliche Damen hatten immer eine Packung Bonbons, Gummibärchen und ebenso Taschentücher bei sich. Und Michelle könnte wetten, sie würde - wenn sie es mal brauchen sollte - bestimmt auch eine neue Strumpfhose bekommen! Nette, gesprächige, alte Damen hatten immer ein kleines Repertoire an Kommunikations- und Hilfsgütern bei sich. Zumindest traf das auf Michelles Erfahrungen zu. Zugegeben, diesbezüglich war sie schon etwas Besonderes. Einmal musste sie sich gar über die Straße helfen lassen. Sie war damals gerade einundzwanzig geworden und eine Frau, welche eine Schulfreundin ihrer Großmutter hätte sein können, zerrte sie förmlich auf die andere Seite. Schon ihre Mutter berichtete zeitlebens immer, dass sie während der Schwangerschaft bestimmt den Guinessbuch-Rekord im 'Bauch tätscheln der Über-Siebzigjährigen' gebrochen hätte. Dies schien aber offenkundig nur die Aufwärmphase auf dem Weg in Michelles Leben gewesen zu sein. Sie hatte sich sogar schon mal überlegt, ob sie es schaffen könne, nur mit Hilfe dieses kleinen Talents ihr komplettes Leben zu bestreiten? Einen Pudding hier, ein Törtchen dort, danach ein Orangensaft aus einer weiteren Handtasche; sie könnte eine Armee von alten Damen auf die Beine stellen! Ein Tag in der Fußgängerzone würde ihr reichen, und sie wäre die Königin eines eigenen kleinen Staates!

"Um diese Zeit findet man ja kein anständiges Hotelzimmer mehr; nur diese teuren Paläste! Wir haben aber noch so eine nette kleine Pension in der Gegend; gerade mal eine Querstraße entfernt. Dort wohnt jetzt immer unsere Tochter, wenn sie uns besucht. Seit sie ihren Ingenieur geheiratet hat, können wir die beiden doch nicht mehr in ihrem alten Zimmer einquartieren. Wenn Sie möchten, kann Sie mein Mann gerne mitnehmen. Schauen Sie, da ist er schon. Sehen Sie, da drüben."

'Ja, das wird er wohl sein', dachte Michelle, bog doch gerade ein gepflegter kleiner, bronzefarbener Mercedes mit zweimaliger Lichthupe fröhlich in die Bahnhofsvorfahrt ein.

"Sie können sich gerne bei uns erst einmal frisch machen, wenn Sie möchten; ist bestimmt nur ein kleiner Umweg", bot ihr die nette Dame explizit ein weiteres mal freudig an.

... Ja; ganz zu schweigen davon, dass Michelle immer ein Dach über dem Kopf hätte! Irgendwo war es sicher auch schön zu wissen, sie wäre nie allein oder obdachlos; fürwahr etwas unbeschreiblich Beruhigendes im Leben. Jetzt aber musste Michelle erst einmal wieder ihr liebstes Gesicht aufsetzen und dieser netten, alten Frau erklären, dass ihr Verlobter gleich kommen würde, weil er der fürsorglichste Mann sei, den sich eine Frau nur wünschen könne. Schließlich sei Michelles Zug viel zu früh eingetroffen. Es würde jetzt nicht mehr lange dauern. - Nein, es war keine zu große Lüge. Es war zwar weder ihr Verlobter, noch kam ihr Zug zu früh, aber Michelle war inzwischen versiert genug sich nicht nur loszueisen, sondern sie genoss es auch, ein wenig von der Fürsorge, die ihr zuteil wurde, zurückzugeben. - Und wer schon einmal das Glitzern in den Augen einer großmütterlichen Geschlechtsgenossin gewahr werden durfte, wenn man von Frau zu Frau von 'meinem Verlobten' sprach, der verstand sicher, dass dies keine Lüge war, sondern mehr Vorfreude und Befriedigung im Leben auslöste als die feinste Auswahl delikatester Errungenschaften französischer Patisseriekultur.

Sie bekam also noch die Adresse und - man konnte auch sie wirklich noch vom Hocker reißen - einen warmen Capuccino im Drive-In-Becher. Michelle hatte es nicht glauben wollen, aber es war nicht nur eine fürsorgliche Floskel gewesen: Oma hatte tatsächlich über ihr Mobiltelefon 'etwas Heißes zu trinken' bei Opa geordert, während dieser bereits auf dem Weg zum Bahnhof war. Und da sollte man noch sagen, alte Menschen würden sich der neumodischen Technik verschließen. Beide waren nicht nur mobil vernetzt, Opa hatte auch solch einen schmucken Ohrklipp mit Funkhörer, den Michelle eigentlich nur von jungen, aufstrebenden Betriebswirtschaftsstudenten und sonstigen unbedeutend bedeutenden Finanzvernichtungsindividuen kannte.

Wieder allein, grübelte Michelle nun aber doch über ihre scheinbar trostlose Warterei nach. Wenn die Situation nicht so nett und freundlich gewesen wäre, dann hätte sie ihr leichtes Schmunzeln, welches sie während der Lüge bezüglich des 'verfrühten Zuges' auf den Lippen hatte, aufgrund der fast Unmöglichkeit solch eines Vorkommnisses im deutschen Bahnverbindungsnetz sicherlich prompt als Unwahrheit enttarnt! Nachdenklich kam sie nun bereits auf zwei volle Stunden, die sie vergeblich dort stand. Zudem stimmte die Kernaussage von vorhin über ihren Freund: er war überaus zuverlässig, daran bestand kein Zweifel. Ebenso an den liebesintensiven Gefühlen, welche an diesem frühen Morgen allerdings eher aus Sorge bestanden.

Vielleicht hätte Michelle sich doch ein Stück mitnehmen lassen sollen, aber sie wusste schon, was dann passierte: Einmal in den Fittichen einer wildfremden, aber engagierten, netten Oma verwoben, war ein späterer Ausstieg umso mühsamer; auch das hatte sie in jüngeren Jahren bereits gelernt.

Michelle kannte die Busverbindungen bereits, schließlich war sie nicht das erste mal auf diese Art und Weise auf dem Weg zu ihrem Freund. Der Unterschied sollte diesmal lediglich darin liegen, dass er sie hier treffen wollte, um gemeinsam mit ihr mit dem Bus zu ihm zu fahren. Wie in guten alten Zeiten, wollte er sie mal wieder vom Bahnhof abholen, auch wenn er zur Zeit kein Auto besaß.

Sie entschied sich also, ohne ihn den ersten Bus nach sechs Uhr zu nehmen - in der geänderten Hoffnung, er würde nun nicht mehr hier am Bahnhof erscheinen.

 

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"Einen wunderschönen guten Morgen Herr Doktor Bromberg!"

Schon wieder wachte er auf. Langsam ging ihm das auf die Nerven. Noch vor Stunden war er ausgeschlafen gewesen. Es war sogar Teil der Anweisung, seinen Rhythmus so umzustellen, dass er diesen Auftrag vollkommen ausgeruht antreten sollte!

"Nicht erschrecken, bitte. Ich bin es, Winfried. Wir messen minus fünf und ein halbes Grad an diesem leicht bedeckten Mittwoch gegen halb Zwölf. In etwa sechzig Minuten wird Herr Professor Steinbruck im Hause erwartet, in der Hoffnung Ihre Gesellschaft anzutreffen. Ich habe mir daher erlaubt, ungefragt ein kleines Frühstück anzurichten. Ihr Anzug befindet sich im Zimmer zur Linken. Sollten Sie weitergehende Wünsche haben, heben Sie einfach den Hörer ab, es wird automatisch eine Verbindung zu meiner Wenigkeit, respektive Frau Rosali aufgebaut. Ich wünsche einen gesegneten Appetit."

'Lass die Augen zu, Erwin, ich bitte dich. Nein, ich flehe dich an! Mach auf gar keinen Fall die Äuglein auf! Wenn du das tust, bist du der größte Vollidiot, den die Welt je gesehen hat! Versuch einfach, so lange wie möglich weiter zu schlafen!' Trotz all des guten Zuredens seiner inneren Stimme, konnte Erwin es selbstverständlich nicht vermeiden sich zu bewegen. So stellte er zumindest unter einer großen Prise Erleichterung fest, dass weder Hände noch Beine mit beklemmender Verschnürung versehen waren. Er fuhr mit seinen Händen über Arme und Brust und bewegte die Beine. Statt eines Zerrens oder Kettenklirrens, vernahm er lediglich das sanfte Gleiten einer äußerst wohligen Bettwäsche. Als sich auch noch dessen frischer Duft mit einem überaus realen Aroma von Speck, Eiern und frisch gebackenem Brot vermengte, getraute er sich beinahe, die Augen einen kleinen Spalt zu öffnen. - Er würde bestimmt sogleich auf graue Wände oder massive Gitterstäbe blicken. Die Bettwäsche würde sich als mit Seide versetzte Menschenhautapplikation entlarven.

Während er sich also flugs entschloss, seine Augäpfel doch noch etwas länger hinter verschlossenen Lidern ruhen zu lassen, richtete er sich zumindest schon einmal auf. So plante Erwin, dem anschließenden Schock etwas die Dramaturgie zu rauben. Und da war auch schon der erste große Wermutstropfen: Die gestrige körperliche Attacke war an seinem Brustkorb nicht spurlos vorübergegangen. Das Erste, was er in dieser vermeintlichen Wellnessklinik orderte, würde eine chiropraktische Massage sein - sofern er jemals in seiner selbst auferlegten Blindheit das erwähnte Telefon finden würde.

Zwischenzeitlich hatte das leichte Zerren in seinen Rippen jenen Winfried schon wieder in einen unrealeren Winkel seines Gehirns gedrängt, und Erwin war sich - zu sagen wir achtzig Prozent - sicher, dass bestimmt doch eine Kette an seinem Fuß hing, die er wahrscheinlich wegen Nervengas-Injektions-Spritzen oder sonstiger geistiger Lähmung nur nicht wahrnehmen konnte. So musste es sein! Und genau jenes Nervengas wirkte auch als ein Halluzinogen und benebelte seine Gehirnlappen!

Seine Mutter hatte ihm ein Pflaster immer mit einem Ruck abgezogen. Dabei verstand sie nicht seine Angst, es könne so stark kleben, dass sie auch bestimmt einmal ein Stück Haut mitreißen würde. Erwin riss die Augen für eine viertelte Sekunde weit auf und schloss sie sofort wieder. Unbemerkt drückte er dabei ebenso reflexartig mit der Handfläche sein Knie - falls sich doch ein Hautfetzen lösen wollte?

"Es ist ein Witz!", flüsterte er kommentierend das Wahrgenommene, "Gleich kommen Paola und Kurt Felix durch die Wand!" - Oder aber er wurde doch arrestiert, war aber der Ein-Millionenste Gefangene und bekam somit für einen ganzen Tag die Luxuszelle zugewiesen. Wenn es aber doch das Nervengas war, welches so ein genialer Wirklichkeits-berauschender Stoff war, dann beschloss er anzufangen es zu genießen, bevor die Wirkung ungenutzt verpuffte!

Erwin öffnete vollends die Augen. Fassungslos schweifte sein Blick durch das Zimmer und nahm die elegante Einrichtung war. Vornehmlich in weiß gehalten, mit vielen leichten, flatterhaften Vorhangstoffen. Eine ganze Wand von mindestens acht Metern war komplett verglast. So fröhlich hell, wie das Licht sich dabei brach, mussten aber auch gelbe Partikel im Vorhangstoff verwoben sein, wobei für diese freundliche an den Sommer erinnernde Note auch die glänzend polierten, hellen Holzmöbel zuständig sein konnten. Wenn er im Leben etwas mehr aufgepasst hätte - schimpfte Erwin sich -, dann wüsste er jetzt bestimmt, um was für einen Stil oder welche Zeitepoche es sich handeln könnte. Auf jeden Fall war dieses Interieur nicht verspielt; es war weder überladen noch kitschig, dieses Zimmer hatte schlicht Stil. 'Edel geht die Welt zu Grunde', hatte sein alter Herr immer gesagt.

"Frisch Gesellen, geht ans Werk!", murmelte er beschwingt vor sich hin, gewillt dieses Szenario solange als möglich in vollen Zügen auszukosten.

Die Drehung aus dem Bett heraus in eine sitzende Position verursachte ihm wesentlich weniger Schmerzen, als er erwartet hätte. Dass seine Füße in solch einem feudalistisch höher gelegten Bett natürlich nicht den Boden erreichten, "war ja klar!", wie er inzwischen schon recht selbstsicher in Kommunikation mit seinen eigenen Gedanken bemerkte.

Erwin hüpfte von den Bettkante. "Musik: an!" Nichts geschah. "Soso, ich wurde also nicht von Bill Gates inhaftiert", brabbelte er ironisch und spitzfindig in den Raum hinein.

Er inspizierte das versprochene Frühstück und stellte fest, es handele sich wohl um eine ganze Wochenration. In der belustigenden Hoffnung, halluzinogenen Nachschub zu erhalten, schob Erwin von allem Dargebotenen etwas in sich hinein. Dennoch versuchte er anhand der Zusammenstellung, den ein oder anderen Rückschluss zu ziehen; denn im Vergleich zu seinem neuen Appartement war das Essen dann doch eher normal. 'Nun gut; auf einem gehobenen Niveau normal', korrigierte er in Gedanken. Es fehlten allerdings die kleinen Reichtümer, sei es die zum Schwan geschnitzte Ananas oder auch einfach nur die obligatorischen drei verschiedenen Sorten Kaviar, die er in solch einem gediegenen Ambiente doch wohl erwarten konnte?! Und so sehr Erwin sich auch über jenen köstlich 'stinkenden' Käse freute, so war dieser doch ein geradezu 'unwürdiges' Element, welches nicht zum hohen Niveau der Einrichtung passte. Und noch eine Kleinigkeit schmeckte ihm seltsam: Man konnte ihm ja alles mögliche erzählen, aber diese köstlichen, knackfrischen, saftgebrutzelten Speckscheiben hatten noch nie ein Schwein von innen gesehen.

Frisch gestärkt klemmte er sich noch etwas Proviant zwischen die Zähne, um sich auf den weiten Weg ins Bad zu machen. Zumindest war es nicht allzu schwer zu finden, denn die Körperpflegeoase war mit weitgeöffneten Doppelschwingtür-Elementen zwar verschließbar, geleitete einen aber in gekonnt offener Architektur aus dem Schlafbereich hinüber. Erwin staunte gar nicht lange über die selbstverständlich mehr als gehobene Ausstattung, sondern ging sofort in jenes schneckenhaus-geringelte Bauwerk aus Glas und Mosaik, welches sich wunschgemäß als Dusche herausstellte. Lange und heiß ließ er sich das Wasser auf den Kopf prasseln.

 

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Von wegen 'gleich'. Es waren jetzt schon bestimmt zwei Stunden vergangen. Zudem konnte Heinrich die Konversation nicht aufrecht erhalten. Da er - warum auch immer - nicht im Geringsten müde war, sah er sich die Gegend an. Es war von Seiten seiner bewussten Erinnerung ausgeschlossen, dass er auf dieser Seite außerhalb der Stadt schon einmal gewesen war. Dennoch hatte er das Gefühl, sein Hirn kenne sich hier aus. Als wäre eine neue Datei in seinen Datenspeicher eingespielt worden? Er 'kannte' diese Strauchansammlung dort drüben; auch jene Straßeneinbuchtung war im Sinne einer Erinnerung in seinem Gehirn gespeichert.

"Gleich sind wir von der Außenwelt abgeschnitten. Kann ich Deine Uhr haben, bitte!", unterbrach Frank seine Gedanken.

"Wieso? Die ist doch so 'entkoppelt'; irgendwie", hörte Heinrich reflexartig seinen Mund sagen. Nein, vielmehr war es eine spontane Informationsausschüttung, welche ohne gedankliche Gegenkontrolle sein Gehirn passierte.

"Sicher ist sicher, Chef", lächelte Frank ihn an. "Das gesamte Gelände, in welches wir gleich einfahren, hat keine Verbindung zur Außenwelt. - Keinerlei Kabel, keine Antennen, nicht einmal das kleinste Kupferdrähtchen." Stolz schwellte Frank seine Brust, als hätte er selbst die archäologischen Sicherheitskontrollgrabungen durchgeführt.

"Nicht einmal ein Dosentelefon?", scherzte Heinrich, während er an der Uhr herumnestelte.

"Pro Brieftaube eine Todesstrafe", zwinkerte Frank breit grinsend. "Oh, Pardon. Warte!" Er kramte einen kleinen Schlüssel hervor, da ihm einfiel, warum Heinrich die Uhr nicht vom Handgelenk abmachen konnte. "Darf ich um eure Hand anhalten, Teuerste?"

"Wenn Eure Absichten so undurchsichtig wie Eure Zunge zurückhaltend, so seid Ihr mir nicht edel genug, werter Herr Prinz", konterte Heinrich!

"Holla, MacHeinrich! So spontan kenn' ich dich gar nicht! Hast Du heimlich eine Pille entwickelt?!" Mit einem Handgriff schloss Frank das Uhrengelenk auf, während er die andere nutzte, um den Mustang in einen Feldweg zu lenken. Da schon seit geraumer Zeit keine Beleuchtung mehr den Straßenrand säumte, durchzog nur das matte Scheinwerferlicht des Wagens den dunklen Waldweg, der unscheinbar zwischen dichtgewachsenen Kiefern vor ihnen lag.

Einen halben Kilometer weiter, nunmehr in moderatem Tempo, rollten sie auf eine kleine unbeleuchtete Blockhütte zu. Frank kurbelte das Fenster herunter. Noch bevor sie anhielten trat ein Mann, der einer Kinoleinwand entlaufen schien, aus dem Schatten der Hütte. Hellbraune Schaftstiefel, schwarze Plunderhose und eine rote Jacke mit brauner Schärpe ließen ihn eher in nordamerikanischen Wäldern zu Hause sein. In einer deutschen Baumansammlung wirkte er dagegen etwas deplaziert, wenn nicht gar lachhaft. Zumindest hinderte ihn sein breitkrempiger Hut daran, seinen gesamten Kopf durch das Fenster in den Wagen zu stecken.

"Hamm'se was zu verzoll'n?", raunzte er mit offenkundig verstellter Mimik.

"Nur diesen alten unnützen Chronographen, Herr Wachtmeister", entgegnete ihm Frank.

"Na, dann will ich mal nicht so sein", sagte das kanadische Karnevalskostüm mit inzwischen von Lachfalten umzogenen Augenwinkeln, nahm die Uhr aus Franks Hand und hüpfte vor dem Wagen auf den Wildzaun zu. Erst jetzt bemerkte Heinrich das Gattertor im Zaun und verstand, dass sie gar nicht neben der Hütte parken wollten.

"Ich möchte dir ja nicht zu nahe treten, aber ein lächerlicher Möchtegern-Rotrock, der mit der Hand ein Holztor bedient?! Ich hatte zumindest einen Burggraben mit digital animierten Krokodilen oder gefakten Piranhas erwartet."

Frank lachte kurz auf, während er die Hand beim Passieren des Gatters zum Gruß an den Wachmann hob und weiter im langsamen Tempo durch den Wald rollte. "Dummheit ist die beste Tarnung, Heinrich. Wir sind die Irren vom Wald!" Er kreiste mit dem Zeigefinger an seiner Schläfe, wohl um Verrücktheit zu symbolisieren. "Man glaubt, wir spielen hier Cowboy und Indianer. Neulich mussten wir sogar die Anfrage eines Reiseveranstalters ablehnen, dessen Mitarbeiter zufällig unsere Blockhütte beim Eingang entdeckt hatte. Er hoffte wohl, dass sich hinter dem Zaun irgendein lustiger Verein mit einem interessanten Ausflugsziel verberge." Mit gespielter Miene heuchelte Frank eine kleine Mitleidsbekundung. "Dabei ist dieses unqualifizierte Stück amerikanischer Stahl ...", er griff durch das immer noch offene Fenster und haute mit der flachen Hand von oben auf das Dach des Wagens, "... besser als jeder Tarnkappenbomber! Die einzigen Chips, die du hier finden kannst, sind die aus Kartoffeln im Kofferraum."

"Und das Radio hat Röhren?!", entgegnete Frank.

"Selbstverständlich! Eine riesengroße! Da kannst du reinschauen, wenn du es anmachen möchtest." Und da war es wieder: Das breiteste Grinsen nördlich der Alpen. Oder vielleicht sogar östlich des Mississippis!

 

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Ein sehr schönes Panorama; seine Entführer hatten wahrlich Geschmack. Fast schon idyllisch lag ein ruhiger, großer See in etwa fünfhundert Metern Entfernung des Hauses. Erwin war auf den großzügigen Balkon getreten und stand an der gemauerten Balustrade, während er in tiefen Zügen die kalte Luft durch die Nase sog. "Zusammenfassung, Doppelpunkt:", murmelte er in gewohnter selbstgesprächiger Manier vor sich hin. "Keine Ketten, ein feudales Appartement inklusive zweier Dienstboten und ein ausgesprochen exquisiter Zwirn auf meiner Haut. Meine Kidnapperbande will sich vermutlich entschuldigen, weil sie den Falschen erwischt hat. Mir soll es recht sein." Erwin plante - zumindest den Tag über - sich diesen genüsslichen Angeboten noch etwas hinzugeben. Spätestens aber am frühen Abend werde er den Vorschlag unterbreiten, die Entschuldigungszeremonie nicht zu ausufernd zu gestalten, sondern lieber eine effektivere Prise schnöden Mammons sprechen zu lassen.

Lange konnte es nicht mehr dauern, bis der Schnee endlich wieder das Feld räumen musste; meinte Erwin doch den Frühling schon ein klein wenig riechen zu können. Er hatte sich genug abgekühlt, war unter anderem in den frischen, verspäteten Vormittag hinaus getreten, um seine Hirnwindungen abzukühlen. Er hoffte, nicht doch einen kleinen Knacks bekommen zu haben. Schon beim Waschen stutzte er etwas, als er sein Gesicht nicht erkannte. Dennoch bestand tief in ihm kein Zweifel; auch wenn sein Verstand versuchte ihm einzureden, dass das weder seine Nase, noch seine Lippen wären. Letztlich beruhigt hatte ihn gewissermaßen die Wahrnehmung durch seine Augen: Iris und Pupille gaben ihm zu verstehen, dass das was sie sahen, richtig sei. Alles war ihnen vertraut. - Lediglich irgendein Hypothalamus oder Großhirnlappen musste vermutlich noch unter einer Beruhigungsdroge stehen. Erwin würde dies heute Abend auch deutlich zur Sprache bringen!

Er hob den Hörer ab. Ohne zu wählen klingelte es irgendwo an einem anderen Ende. "Sehr wohl, Herr Doktor?"

"Ein Herr Winfried Bromberg war vorhin bei mir und sagte, Herr Stein-,-äh-,...-brecher würde mich gerne sprechen." Ja, es war eine kleine verdutzte Pause in der Leitung, bevor Winfried korrigierend antwortete, dass Herr Professor Steinbruck bereits eingetroffen sei und sich im Salon aufhalte.

Eigentlich dachte Erwin, er hätte sich melden sollen, um abgeholt zu werden. Aber er wollte jetzt auch nicht zu forsch oder gar aufdringlich wirken. Er machte sich also auf den Weg - wohin auch immer.

Zunächst entpuppte sich der kleine Flur vor seinem neuen Zimmer als recht überschaubar. Wenige Schritte entfernt erreichte er eine runde Treppengalerie. Dort hatte man die Wahl, die linke Halbkreistreppe an der einen Wand oder selbige auf der anderen runden Seite herunter zu schreiten. Der Stil war hier allerdings äußerst verschieden im Vergleich zur Gestaltung des Appartements: Die Wände, nebst Geländer, sogar die Treppe als gesamte Konstruktion waren vollständig aus dunklem Holz gefertigt. Ebenso waren über seinem Kopf sechs massive schwere Stützbalken waagerecht ähnlich einem Wagenrad verbaut. Diese dienten vielleicht der Statik für die oben aufgesetzte, recht gekonnt inszenierte Glaskuppel, welche hier für sehr viel Tageslicht sorgte. Dadurch wurde diesem Raum zwar kein moderner Glanz verliehen, dennoch nahm sie ihm etwas die altbritische, dunkeldüstere Schwere.

Der Besitzer dieses Hauses mochte bestimmt das dezente Knarzen der Holzstufen. Erwin wusste es, meinte es gar selber spüren zu können, wie wohlig weich und sanft seine Schritte nicht nur aufkamen, sondern vielmehr von den Stufen entgegengenommen wurden.

Plötzlich roch er es! Beschleunigten Schrittes eilte er zur angelehnten Tür auf der linken Seite der Treppengaleriehalle. "Sie müssen Frau Rosali sein!", begrüßte er die dort mit dem Rücken zu ihm arbeitende Person. Und noch bevor sie sich gänzlich herumdrehen konnte, fügte er sofort hinzu: "Auch wenn Sie es nicht sein sollten, aber Sie haben Kaffee!"..

Hastig glättete die Überrumpelte ihre viel zu lange Schürze. Und während sie noch ein verlegenes 'äh' stammeln wollte, blickte sie in solch ein freudiges, strahlendes Gesicht, dass sie in munterer Selbstsicherheit zur Kaffeekanne griff. "Selbstverständlich, Herr Doktor! Pardon, Sie hatten mich überrascht. Winfried sagte, Sie wären beim Billardspiel mit Herrn Doktor Steinbruck. Und da wollte ich noch schnell die frischen Kekse bestreichen solange sie noch warm sind. Haben Sie gut geschlafen? Sicher haben Sie gut geschlafen! Sie müssen ja auch fertig gewesen sein! Man hat mir natürlich nichts gesagt, aber der Herr General hat schon dreimal nachgefragt, wie es Ihnen denn geht. Auch Winfried macht den ganzen Tag schon einen besorgten Eindruck!"

"Zucker, bitte; zwei Stück!", unterbrach Erwin sie - zwar freundlich, aber mitten im Satz -. Wenn er warten würde, bis die quirlige Frau ihren Monolog beendet hätte, könnte er auch gleich eine Kaffeeplantage ansäen. "Und bitte normale Milch, keine Kaffeesahne!"

"Oh, ich weiß", entgegnete sie, während sie hastig auf Zehenspitzen eine neue Zuckerpackung aus dem oberen Regal fischte. "Winfried hat mich schon eingewiesen. Leider konnte ich ihnen zum Frühstück nicht schon ihren Milchkaffee beistellen. Heute Morgen ist die Milch ausgelaufen. Also eigentlich bin ich schuld. Ich hätte sie gleich umfüllen sollen. Und weil ich aber so spät dran war, wissen Sie. Ich musste ja unzählige Male bei all unseren Lieferanten nachhaken. Jetzt, wo unser Chef im Hause ist, soll doch alles perfekt sein. - Hier ist Ihre Milch, Herr Doktor." Sie stellte eine große weiße Porzellankaraffe auf die Küchenplatte, an welcher Erwin sich angelehnt hatte. "Winfried hat sie vor einer Stunde erst frisch geholt. Darum ist das Gebäck auch noch nicht fertig. Verzeihen Sie bitte. Ich hatte aber alles schon vorbereitet. Nur noch ein paar Handgriffe!"

Es klingelte.

"Oh! Das wird bestimmt der Herr General sein! Er hatte vor zehn Minuten angerufen. Ich wollte Ihnen doch noch Bescheid geben, aber die Karamellcreme war gerade streichfertig. Eine Sekunde!" Sie schob Erwin sanft zur Seite, um an ihm vorbei aus der Küche hinaus zur Hauseingangstür zu gelangen.

'Langweilig wird es hier bestimmt nicht!', dachte Erwin höchst amüsiert, während er sich von Rosali zur Seite drücken lies. Und was ihm aus ihrem Mund höchst angenehm gefiel, war die Art ihn 'Herr Doktor' zu nennen. Es wirkte aus ihr heraus so selbstverständlich, als könne man ihn gar nicht anders anreden.

Erwin stubste kurz mit dem Fuß gegen die Küchentür, wollte er doch nicht sofort mit einem Armeebefehlshaber konfrontiert werden. Frau Rosali würde ihn bestimmt erst einmal in irgendein Empfangszimmer verweisen. Erwin trat einen Schritt zurück, setzte seine Kaffeetasse an die Lippen und lauschte aus dezenter Entfernung durch den Türspalt in den Flur.

"Treten Sie ein, Herr General! Kommen Sie, bitte. Nein, hier entlang, bitte!"

Die Tür ging wieder vollends auf, und ein hagerer, aber nicht unstattlicher Mann in einem noblen, dezenten Anzug wurde sanft hineingeschoben. Offenbar schob Rosali jeden Menschen, der in ihrer Nähe war. Unter einem General hatte Erwin sich zwar jemanden mit einer Uniform und ein paar Wimpeln und Ansteckern vorgestellt; dieser hier sah hingegen eher aus wie ein nobler Bodyguard oder ein Manager.

"Herr Doktor Bromberg!" Jener General streckte Erwin nicht nur eine Hand zur Begrüßung entgegen, er beugte sich zudem leicht vor, kam freundlich, aber auch etwas entschuldigend lächelnd auf ihn zu und umklammerte sogleich Erwins Rechte mit beiden Händen. "Ich muss mich tausend Mal bei Ihnen entschuldigen. Wir waren nicht unter uns, sondern wurden von offizieller Seite gezwungen, zwei weitere Mann hinzu zu nehmen. Es musste wesentlich echter aussehen als ursprünglich geplant. Hauptmann Gassenbrenner hat mir schon berichtet, Sie hätten bestimmt ein paar herbe Blessuren einstecken müssen. Glauben Sie mir, Herr Doktor Bromberg, es war zu unser aller, vor allem zu Ihrem Schutz. Ich habe mich höchstpersönlich über die beiden informiert. Ich vermute, man wollte uns - mit Verlaub gesagt - ans Bein pinkeln!"

So! Jetzt war Erwin verwirrt. Die Entschuldigung war super! Da waren die Herren Entführer, hier durch einen offenbar ehrlich zerknirschten sogenannten General im Börsenoutfit, schon einmal auf dem richtigen Dampfer. Aber wenn eine Vertuschung gegenüber einer offiziellen Stelle erfolgen musste, dann hieß das aber auch, dass dies hier keine offizielle Stelle wäre. Würde Erwin sich etwa in inoffiziellen, also zwielichtigen oder gar kriminellen Kreisen befinden? Andererseits wirkte das Ambiente nebst den Personen bisher weder verrucht noch anrüchig. Was sollte er also denken? Auf jeden Fall aber war 'Bromberg' nicht der Name des Butlers, sondern die Akteure um ihn herum dachten ihm - Erwin - diese Anrede zu. Und auch der 'Doktor' war womöglich nicht nur eine höfliche Floskel seitens des Dienstpersonals?

"Jetzt beruhigen Sie sich bitte, Herr General. Frau Rosali bestäubt Ihnen erst einmal einen leckeren Karamellkräcker. Und dann geht es uns allen gleich besser." Erwin hatte keine rechte Ahnung, was er sagen sollte. Ehrlich gesagt wollte er jetzt am liebsten hier raus! "Ich muss jetzt dringend zu Herrn Stein-, äh, -Dingenskirchen." Erwins Blick blieb an Rosali hängen, die er geradewegs hilfesuchend ansah.

"Ja richtig, Herr Professor Steinbruck wartet doch bereits seit einer geschlagenen halben Stunde im Billardzimmer!", half sie ihm aus der Patsche.

"Oh, ich möchte Sie auch gar nicht weiter aufhalten!" Der krawattierte Armeekommandeur lächelte erfreut, fühlte er sich doch sichtbar erleichtert, weil sein Entführter keinen Groll gegen ihn zu hegen schien.

Da sich Erwin hingegen nicht von der Stelle rührte, vielleicht auch nur weil der Herr General etwas ungünstig im Raum stand, ergriff Rosali die Initiative, um ihrem offenkundig leicht gebeutelten Chef den Weg zu ebnen. Sie drückte den General sanft, aber bestimmt zur Seite und schubste Erwin mit einem rechtsgedrallten Efee zielsicher durch die Tür hindurch.

Ebenso erleichtert, das Gespräch mit dem inoffiziellen Businessgeneral erst einmal beenden zu dürfen, befand sich Erwin nun wieder in der Eingangshalle mit jener Treppengalerie, die er zuvor heruntergekommen war. Jetzt galt es für ihn diesen Billardtisch zu finden; und zwar möglichst zielstrebig und unauffällig! Am Besten, so hatte er beschlossen, während er versuchte, in den Augen des Generals zu erkennen, ob dieser eher ein durchtriebener oder wohlgesonnener Charakter sein mochte, werde er vorerst diese Rolle mitspielen. Auf jeden Fall hoffte Erwin, dass dieser Herr Doktor Bromberg einen Sportwagen in der Garage hatte. Oder besser noch einen geländeerprobten Hummer, wenn vielleicht irgendwo ein paar Zäune um diese kleine Residenz herum aufgestellt sein mochten.

 

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"Jetzt kümmere dich erst mal nicht um technische Details! Sieh es dir einfach mal an." Frank wollte schon die massiven Holztüren öffnen, obwohl Heinrich versuchte, ihn zu bremsen.

"Darf man nicht mal eine einzige Minute in Ruhe staunen?!", beschwerte sich dieser, war er doch wahrhaftig beeindruckt! Man wird nicht oft im Leben mitten in der Nacht auf eine Waldlichtung geführt und starrte auf eine schätzungsweise zehn Meter hohe und vermutlich nahezu exakte Halbkugel. Sie musste im Grundriss folglich immerhin um die zwanzig Meter im Durchmesser messen. Die Kuppel schien vollständig aus Holz zu sein oder zumindest mit Holz verkleidet. Und sogar das Mondlicht tat sein Bestes, einen mystifizierenden Schleier beizusteuern, wobei die Halbkugel selbst bei Tageslicht genug Aufmerksamkeit erwecken würde, gar keine Frage. - So perplex musste sich eine Ameise vorkommen, wenn sie einen Golfball erblickte, nachdem dieser beim Aufprall auf matschigem Boden zur Hälfte eingesunken war.

Die beiden Studienfreunde waren einem feinsäuberlich mit Holzbohlen angelegten Weg gefolgt, welcher sie zu jener Eingangstür führte, die Frank nun banausenhaft als 'technisches Detail' abtat, wo es doch vielmehr selbst bei diesen schlechten Lichtverhältnissen ein schreinermeisterliches Glanzstück sein mochte! Hunderte filigranster Feinheiten schienen sich gegenseitig zu überlagern. Als übergeordnetes Relief stach einem über die gesamte Doppeltürbreite jenes unverkennbare Motiv von Flammarion ins Auge, auf dem ein Mann am Ende der Erde kniete und seinen Kopf aus der Erdatmosphäre hinaus streckte. Auf jenem Bild wurde die Erde als flache Scheibe dargestellt. Nicht, dass Heinrich dieses Motiv vor diesem Abend sonderlich beachtet hätte, aber es gehörte immerhin zum standardisierten Repertoire zur Verballhornung der Sternengucker. Bekanntlich entstand das Original irgendwann kurz vor 1900. Und obwohl der Künstler, Camille Flammarion, ein ernstzunehmender Astronom gewesen sein soll, stellte es ein derart inkompetentes Weltbild dar! - Es waren eben doch nur verträumte, halbherzige Wissenschaftler, denen es nicht im Detail darauf ankam, ob eine Erde nun rund oder flach war. Himmelskundler aller Art waren schlicht und einfach zu weit davon entfernt, um in Realphysikerkreisen für voll genommen zu werden!

Auf dieser Tür kam allerdings noch hinzu, dass Heinrich endlich auch einmal die rechte Seite dieses Bildes erblicken durfte. Er war sich ziemlich sicher, bisher nur die linke Hälfte der erdumspannenden Kuppel gesehen zu haben. Dieser Teil war auf der linken Tür. Jener Bogen spannte sich nun über die komplette Breite der Tür und vervollständigte sich zur Rechten auf der anderen Doppeltürhälfte. Auch dort blickte ein Mensch aus der Atmosphäre hinaus in den Weltraum. Aus der Kleidung zu schließen, offenkundig eine Frau.

Je näher sie jedoch kamen, desto weniger konnte Heinrich seinen Blick von den beiden kopulierenden Skeletten unter einem brennenden Baum abwenden. Diese waren derart in der Mitte angeordnet, dass Frank beim Öffnen der Tür die beiden Akteure nun wirklich auf die Art und Weise trennte, welche man konkret bei einem im Liebesakt verschlungenen Paar erwarten würde! Im Augenwinkel erblickte Heinrich zu allem Perfektionismus, dass die Türen nicht eckig waren, sondern im Rundbogen gearbeitet und sich somit exakt an der auf dem Bildmotiv dargestellten Erdkuppel auftaten. Die Scharniere der Türen waren dabei offenbar neben der Erdscheibe, auch in den Hälsen der beiden hinausschauenden Menschen angeschlagen. Weiterhin erfasste Heinrich beim Durchschreiten, dass sich der Schreiner oder Erbauer offenbar große Mühe gegeben hatte, die Tür auch in sich derart gewölbt auszuarbeiten, dass sie sich in perfekter Harmonie in den gesamten Durchmesser des Kuppelgebäudes einfügte.

So faszinierend diese Tür auch sein mochte, vielleicht hatte Frank doch recht, als er sie als 'technisches Detail' abtat; denn als Heinrich in das Innenleben der vermeintlichen Halbkugel hineinstarrte, fiel ihm wirklich die Kinnlade herunter. Er traute sich wahrhaftig nicht mehr zu atmen, wusste er doch nicht, wo er zuerst hinsehen sollte. Er kam sich vor wie ein kleines Kind, welches zum ersten Mal im Leben einen Weihnachtsbaum sah. Er war auf eine gewisse Weise in dieses Bild hinein getreten, in eine freitragende Kuppel, die von der Innenseite als Sternenhimmel gestaltet, viele leuchtende Himmelskörper, heller und dunkler, größer wie kleiner, vor einem schwarzen Hintergrund offerierte. Im beleuchteten Sinne war es aber dennoch vielmehr der 'Boden', der ein mattes bläuliches, aber doch wärmendes Licht abgab. Obwohl er sich sicher war, was sich ihm darbot, trat Heinrich zwei Schritte vor, ging in die Hocke und steckte einen Finger ins Wasser. Beileibe sah es nicht nur zur Hälfte aus wie ein riesiger brauner, hölzerner Medizinball, es war leibhaftig eine perfekte Kugel, die hier irgendein irrer Architekt nicht aus, sondern in den Boden gestampft hatte! Die untere Hälfte war mit glasklarem Wasser gefüllt, wodurch Heinrich zwar auf eine gewisse Weise bis auf den Grund sehen konnte, diesen aber dennoch optisch nicht zu fassen bekam, weil hier offenbar auch noch eine Lichtquelle eingearbeitet sein musste. Je tiefer allerdings der Boden lag, desto türkiser bis grünlich schien der Ursprung dieser Beleuchtung zu sein.

"Wenn Sie sich die Hände gewaschen haben, Herr Kollege, können wir dann fortfahren?" In gedämpftem Ton, aber gewohnt scherzhafter Manier durchbrach Frank Heinrichs atemlose Andacht und wies mit dem ausgestreckten rechten Arm auffordernd den Weg entlang in die Mitte der Kugel. Der Holzweg von außerhalb setzte sich auch hier drinnen schnurgerade fort, wobei er nur wenige Zentimeter über der unsagbar glatten Wasseroberfläche zu liegen, beziehungsweise fast zu schweben schien. So sehr Heinrich auch versuchte unter diesen zwar unbeweglich festsitzenden oder vielleicht schwimmenden Holzsteg zu blicken, konnte er doch keinerlei Befestigung ausmachen. Zwar mochte das im ersten Gedanken auch gar nicht mal problematisch sein, schließlich war er schon des öfteren in architektonisch-statisch überwältigenden Bauwerken gewesen. Aber trotz dessen Frank recht konsequenten Schrittes voran ging, übertrugen sich fast keine Wellen auf das Wasser. Heinrich folgte ihm etwas langsamer. Zumindest bemerkte er, dass sich auch Frank eine kleine Portion ehrfürchtiger in diesem Umfeld bewegte. Seine winkende Geste ließ allerdings darauf schließen, dass Heinrich sich ihm ein bisschen schneller nähern solle.

Hinter Frank erblickte er alsdann eine ins Wasser eingelassene kleine Halbkugel. Diese war aber nun nicht aus Holz sondern durchsichtig; wenn nicht aus Glas, so doch aus Plexiglas oder dergleichen Material. Während Heinrich näher trat, bemerkte er eine Einstiegsstufe, die offenbar auch als Sitzmöglichkeit diente.

"Warum ist die Kugel tiefer gelegt?" Heinrich deutete in die kleine Glaskugel hinein und hoffte, eine Konversation anzustoßen. Schließlich bot sich hier genug Gesprächsstoff an, der zwei wissbegierige Menschen ihres Schlages eher dazu veranlassen sollte, ein paar Informationen auszutauschen und nicht einfach nur unintelligent in der Gegend herum zu glotzen.

"Weißt du, warum man sagt, das Herz müsse am rechten Fleck sein? Die Menschheit könnte so klug sein, wenn sie auf das hören würde, was sie den ganzen lieben langen Tag vor sich hin brabbelt!" Obwohl das beileibe keine forscherkollegial orientierte Kompetenzantwort war, hatte Frank doch soweit optisch-inhaltlich Recht: Wer dort Platz nehme, würde sich ziemlich genau in der Mitte des gesamten Kugelbauwerks befinden; denn wenn dieses Rundgebäude zu genau fünfzig Prozent mit Wasser gefüllt wäre, dann müsste man etwas nach unten, um ins Zentrum zu gelangen.

"Keine Sorge! Es funktioniert nicht", konterte Frank beruhigend, wodurch Heinrich nun doch etwas verdutzt aus der Wäsche sah. Ein Bein hatte er tatsächlich schon instinktiv in der Glaskugel, als hätte er sich schon darauf vorbereitet, ... wenn er auch keine rechte Ahnung hatte, worauf.

"Noch nicht!", fügte Frank rasch hinzu. Vermutlich antwortete er deshalb so schnell, weil er fast meinte, eine gewisse Enttäuschung auf Heinrichs Gesicht zu erhaschen. "Nun gut, gewissermaßen klappt es schon ein bisschen. Sagen wir mal: Alle die es bisher versucht haben, waren rundherum zufrieden. Es ist aber nicht besser als ein hochkarätiger Drogentrip!" Gespielt verlegen, aber in erster Linie breit, grinste Frank ihn an.

"Na großartig, ich bin in einer Hippiekommune gelandet!", scherzte Heinrich leise, aber gereizt, "Wie soll ich das meinem Biographen erklären!"

"Jetzt komm erst mal mit, dann stell' ich dir das Team vor. Sie werden sowieso schon sehnsüchtig auf dich warten!" Frank drehte sich, um über den Holzsteg zurück zur Tür zu gehen.

Heinrich hingegen stockte im Schritt, beziehungsweise stand etwas verwurzelt immer noch mit einem Bein auf der Einstiegsstufe. Auch wenn er unweigerlich in Franks Richtung gehen musste, um diesen Ort wieder zu verlassen, er wollte - oder konnte -, ihm nicht mehr folgen. "Ich brauche kein Team! Und schon gar keine langhaarigen Kommunisten!" Das klang zwar etwas abfälliger als es gemeint war, aber sein Protest war dennoch ernst gemeint.

"Heinrich!" Frank kam wieder ein paar Schritte auf ihn zu und sah ihm in die Augen. "Du kannst arbeiten wie du willst. Du bekommst lediglich alle Unterstützung, die du brauchst." Frank neigte seinen Oberkörper wieder zurück, setzte sein aufmunterndes Lächeln auf und fügte beschwichtigend hinzu: "Du bist der Boss!". Mit diesen Worten wandte er sich aber nun endgültig um und ging zurück zum Eingang.

Kurz bevor er diesen erreicht hatte, löste sich Heinrich aus seinen verwirrten Gedanken, um ihm hinterher zu rufen: "Was braucht ihr denn noch für dieses ... 'Ding'?".

"Nichts weltbewegendes. Uns fehlt lediglich noch ...", antwortete ihm Frank ohne sich umzudrehen, "... ein Schwarzes Loch!" Die letzten Worte hallten, wenn auch nicht primär in der Kugel, so doch in Heinrichs Kopf, von einer Großhirnrinde zur anderen hin und her.

"Aber keine Sorge", schob Frank hinterher, hielt im Gehen die Hand nach oben und ließ einen ganz kleinen Spielraum zwischen Daumen und Zeigefinger, "Nur ein ganz Kleines!" Mit diesen Worten verschwand er aus der Kugel.

 

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